Ein Wendepunkt für die europäische Nachhaltigkeitsberichterstattung

Die ersten Nachhaltigkeitsberichte nach den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) waren vor allem eines: schwer lesbar. Mit durchschnittlich weit über 100 Seiten führten sie weniger zu Transparenz als zu Überforderung. Das EU-Parlament reagiert und verabschiedete im Dezember 2025 eine vorläufige Einigung – die Simplified ESRS. Weniger Datenpunkte, klarere Strukturen und ein stärkerer Fokus auf Wesentlichkeit sollen die Berichterstattung praktikabler machen. Doch die eigentlichen Veränderungen liegen im konzeptionellen Detail.

Warum die ESRS vereinfacht wurden

Als Anfang 2025 die ersten ESRS-Berichte erschienen, dominierte ein reines Compliance-Verständnis. Unternehmen versuchten, sämtliche Anforderungen möglichst vollständig zu erfüllen, unabhängig davon, ob die Inhalte für Leser*innen wirklich relevant waren. Das Ergebnis waren lange, technisch geprägte Berichte, in denen zentrale Aussagen untergingen.

Die European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG) reagiert darauf mit den Simplified ESRS. Der Umfang der Standards wurde deutlich reduziert, die Anzahl der geforderten Datenpunkte um rund 60 Prozent gesenkt. Ziel ist es, den grundlegenden Zielkonflikt zwischen Informationsanspruch der Stakeholder und Umsetzbarkeit für Unternehmen neu auszubalancieren.

Fair Presentation rückt in den Mittelpunkt

Kern der neuen Standards ist das Prinzip der Fair Presentation, ein Konzept, das bereits aus der Finanzberichterstattung bekannt ist. Nachhaltigkeitsberichte sollen demnach ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes und entscheidungsrelevantes Bild vermitteln. Entscheidend ist nicht mehr die maximale Vollständigkeit, sondern die Frage, welche Informationen die Entscheidungen von Investoren und anderen Stakeholdern tatsächlich beeinflussen. Damit verbunden ist der Materiality Filter. Unternehmen dürfen Angaben weglassen, wenn sie für die Entscheidungsfindung nicht wesentlich sind – selbst wenn der Standard sie grundsätzlich vorsieht.

Gleichzeitig gilt: Reichen die Standardangaben nicht aus, um ein realistisches Bild zu vermitteln, müssen zusätzliche unternehmensspezifische Informationen ergänzt werden. Zwar war es bereits zuvor möglich „Entity Specific Considerations“ mit aufzunehmen, nun sind sie jedoch fester Bestandteil des Fair Presentation-Konzepts.

Mehr Struktur, weniger Detailüberfrachtung

Die Simplified ESRS eröffnen zudem mehr Spielraum im Aufbau der Berichte. Unternehmen dürfen nun ein Executive Summary voranstellen, welches die wichtigsten Punkte zusammenfasst, während methodische Erläuterungen in den Anhang ausgelagert werden können. Dadurch sollen die zentralen Aussagen stärker hervortreten und der Lesefluss verbessert werden.

Klarere Abgrenzungen innerhalb der doppelten Wesentlichkeitsanalyse

Auch zentrale Aspekte der doppelten Wesentlichkeitsanalyse werden durch die Simplified ESRS präzisiert. Positive Auswirkungen gelten nur noch dann als solche, wenn sie über die bloße Beseitigung eigener negativer Auswirkungen hinausgehen. Zudem dürfen insbesondere bei potenziell negativen Auswirkungen bereits umgesetzte Minderungsmaßnahmen in die Wesentlichkeitsbewertung einfließen. Wichtig ist jedoch: Auch effektiv geminderte Auswirkungen müssen berichtet werden, sofern sie für die Entscheidungsfindung der Adressaten weiterhin relevant sind.

Chancen und Risiken der Simplified ESRS

Für Unternehmen bieten die neuen Standards die Gelegenheit, Nachhaltigkeitsberichte wieder stärker als Kommunikationsinstrument zu nutzen und sich vom reinen Compliance-Denken zu lösen.

Gleichzeitig birgt die Vereinfachung auch Risiken. Weniger Datenpunkte gehen mit einer geringeren Detailtiefe einher, und der erweiterte Ermessensspielraum kann die Vergleichbarkeit der Berichte beeinträchtigen sowie dazu führen, dass die Erwartungen sehr spezialisierter Leser*innen (z.B. Investoren, Prüfer, etc.) nur eingeschränkt erfüllt werden.

Fazit

Die Simplified ESRS markieren einen Wendepunkt in der europäischen Nachhaltigkeitsberichterstattung, müssen allerdings noch vom Europäischen Rat verabschiedet werden. Sie reagieren auf reale Überforderung und schaffen mehr Fokus und Flexibilität. Ob sie zu mehr Transparenz oder lediglich zu kürzeren, bequemeren Berichten führen, wird sich zeigen.

Fest steht: Nachhaltigkeitsberichterstattung erfordert strategische Einordnung und methodische Klarheit. Die Silvester Group unterstützt Unternehmen dabei, Wesentlichkeit konsequent anzuwenden, Fair Presentation sinnvoll umzusetzen und Nachhaltigkeit nicht nur regelkonform, sondern entscheidungsrelevant zu kommunizieren. So entstehen Chancen für eine glaubwürdige und integrierte ESG-Berichterstattung.

Christina Rahtgens
Managing Partner Communications & ESG

Q & A

Warum wurden die European Sustainability Reporting Standards mit den Simplified ESRS vereinfacht?

Die Simplified ESRS sollen die europäische Nachhaltigkeitsberichterstattung von überlangen Compliance-Berichten hin zu entscheidungsrelevanteren Informationen verschieben. Die ersten ESRS-Berichte Anfang 2025 waren im Durchschnitt weit über 100 Seiten lang und führten laut Artikel eher zu Überforderung als zu Transparenz. EFRAG reagierte darauf mit einer deutlichen Reduktion des Standardumfangs und rund 60 Prozent weniger geforderten Datenpunkten. Ziel ist ein neuer Ausgleich zwischen Informationsanspruch der Stakeholder und Umsetzbarkeit für Unternehmen.

Welche Rolle spielen Fair Presentation und Materiality Filter in den Simplified ESRS?

Fair Presentation wird in den Simplified ESRS zum Leitprinzip für ein realistisches und entscheidungsrelevantes Bild der Nachhaltigkeitsleistung. Nicht maximale Vollständigkeit ist maßgeblich, sondern ob Informationen Entscheidungen von Investoren und anderen Stakeholdern beeinflussen. Über den Materiality Filter dürfen Unternehmen Angaben weglassen, wenn sie nicht entscheidungsrelevant sind, auch wenn der Standard sie grundsätzlich vorsieht. Reichen Standardangaben nicht aus, müssen zusätzliche unternehmensspezifische Informationen ergänzt werden.

Wie verändern die Simplified ESRS die doppelte Wesentlichkeitsanalyse und die Struktur von Nachhaltigkeitsberichten?

Die Simplified ESRS präzisieren die doppelte Wesentlichkeitsanalyse und geben Unternehmen zugleich mehr Freiheit beim Berichtsaufbau. Positive Auswirkungen gelten nur noch dann als positiv, wenn sie über die bloße Beseitigung eigener negativer Auswirkungen hinausgehen. Bei potenziell negativen Auswirkungen dürfen bereits umgesetzte Minderungsmaßnahmen in die Wesentlichkeitsbewertung einfließen; weiterhin relevante, auch effektiv geminderte Auswirkungen müssen aber berichtet werden. Zusätzlich können Unternehmen ein Executive Summary voranstellen und methodische Erläuterungen in den Anhang auslagern.
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